Kein Ort für Jungs
Artikel aus der Badischen Zeitung, erschienen am 8. November 2008
Kein Ort für Jungs
Gisela ist völlig aufgelöst, als sie erzählt, was in der Schule passiert ist. "Ein Drittklässler kam im Flur um die Ecke, mit einer Spritzpistole in der Hand, so ein Riesending, und er hat auf mich gezielt." Hinter ihm ein zweiter Junge, als Cowboy verkleidet. "Peng! Peng!" Der Lauf des Colts zeigte auf die Lehrerin. Es ist Fasnacht in der bayrischen Kleinstadt.
Ihr Freund wartet auf den Fortgang der Geschichte, den Punkt, der die massive Verstörung ausgelöst haben könnte. "Die haben auf mich geschossen", sagt Gisela, 46, Mutter von zwei Töchtern, noch einmal mit Nachdruck. "Und, was hast du gemacht?", fragt ihr Freund. "Ich habe sie ihnen weggenommen und gesagt, dass das nicht geht."
Nach einer Pause, in der sie sich ratlos gegenüberstehen, fragt sie: "Was hättest du getan?" "Vielleicht hätte ich gesagt: Wow, was für ein Teil, zeigt her. Lass uns auf den Schulhof gehen und probieren, wie weit sie spritzt." Gisela ist sprachlos.
Die Szene ist sicher nicht alltäglich, aber sie verdeutlicht: Die warmherzige Frau hat offenbar keinerlei Verständnis dafür, dass ein Neunjähriger Spaß daran hat, seine Lehrerin zu erschrecken. Sie kann nicht nachvollziehen, welche Lust er in sich spürt, wenn er mit der Spritzpistole hantiert. Das ist der sehr einfühlsamen Frau fremd, um nicht zu sagen wesensfremd. Nicht so ihrem Gegenüber, einem gesetzestreuen Bürger und überzeugten Pazifisten.
Was aber erlebt der Junge? Er sieht das Erschrecken in den Augen der Lehrerin – und erschrickt über sich selbst. Er muss aus ihrer Reaktion folgern, dass in ihm das Böse steckt. Ein Dämon, der bekämpft werden muss. Er lernt anhand solcher Situationen, sich vor seiner Lust und seinen Fantasien zu fürchten. Er lernt, seinen Gefühlen zu misstrauen. Am besten, er schließt sie tief weg.
Es ist nicht die Frage, welche der geschilderten Reaktionen richtig oder falsch ist. Beide sind angemessen, solange sie echt sind. Das tragische ist: Jungs erleben nur noch die eine. Viele von ihnen sind von ihren Vätern früh alleingelassen mit ihren Müttern. Im Kindergarten haben sie es mit Erzieherinnen und in der Grundschule mit Lehrerinnen zu tun. Selbst an weiterführenden Schulen treffen sie zunehmend nur noch auf Frauen (siehe Grafik).
Das ist der aktuellen Einstellungspraxis auf Jahre so festgeschrieben. Mehr noch: Die Schule wird noch weiblicher werden: 83 Prozent der Studierenden an den Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg sind Frauen.
Vor zehn Jahren beantwortete das Kultusministerium die Frage, wie viele Lehrer in den kommenden Jahren in Ruhestand gehen und wie viele davon Männer sind, mit der Gegenfrage: "Warum wollen Sie das wissen?" "Weil es pädagogische Konsequenzen haben muss, wenn Männer an den Schulen fehlen." "Warum das?" Damit war das Thema erledigt.
In der Schulpraxis hat es sich nicht erledigt. Im Gegenteil, es ist drängender denn je. Zehn Prozent der Jungen – und zwar ohne Migrationshintergrund – verlassen die Schule ohne Abschluss, bei den Mädchen sind es lediglich 5,8 Prozent. Der Anteil der Jungen in Gymnasien ist von 56 Prozent (1970) auf 43 Prozent (2006) gesunken.
Schon bei der Einschulung weisen Jungs nach den schulärztlichen Befunden schlechtere Durchschnittswerte als die gleichaltrigen Mädchen auf. Entsprechend sehen die Schulhefte aus, die in den ersten Monaten – zumal bei Lehrerinnen – das zentrale Beurteilungskriterium sind. Vom ersten Tag an ernten Mädchen Lob, Jungs Misserfolgserlebnisse. Vom ersten Tag an erleben sich Jungs als defizitäre Wesen. Oft werden sie zudem pathologisiert: Zappelphilipp, ADHS. In der Förderschule sind die Jungs in der Überzahl (59 Prozent) und ebenso in allen Schulen für Behinderte (extrem: Sprachbehindertenschule: 71 Prozent).
Mädchen gehen mit einem Entwicklungsvorsprung an den Start – und die Jungs werden dafür abgestraft. Jungs erhalten in allen Fächern bei gleichen Kompetenzen schlechtere Noten und werden bei gleichen Noten seltener an höhere Schulen empfohlen. Nachzulesen ist dies in der Studie des Bundesbildungsministeriums zum Thema "Bildungsmisserfolge von Jungen". Die Studie ist zwei Jahre alt, zu Konsequenzen haben die Resultate nicht geführt. Jungs bleiben häufiger sitzen (3,7 Prozent gegenüber 2,1 Prozent).
In den ersten beiden Grundschulklassen ist die Lesemotivation bei Jungs und Mädchen noch nahezu gleich ausgeprägt. Sie sinkt bei den Mädchen von einem Index 83 auf 40 im siebten bis zehnten Schuljahr. Bei den Jungs stürzt sie regelrecht ab, von 77 auf 17. Die Leseunlust sei in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern besonders groß, ergab eine Studie, 42 Prozent der Jungs lesen nie zum eigenen Vergnügen. "Ein katastrophales Ergebnis", sagt der Hamburger Lehrer, Buchautor und Lehrbeauftragte für Jungenpädagogik, Frank Beuster.
Warum verlieren die Jungs die Lust am Lesen noch schneller als Mädchen? Liegt das nur an den Jungs oder auch daran, was gelesen wird? Nach der Iglu-Studie sind die Unterschiede bei zehnjährigen Jungs und Mädchen in der Lesekompetenz gering, die Pisa-Studie hat dagegen für die 15-Jährigen ergeben, dass die Unterschiede groß sind. In diesen fünf Jahren hören Jungs fast vollständig auf zu lesen. Das liegt sicher an der Pubertätskrise, aber auch an der Auswahl der Lektüre. Dabei listet zum Beispiel allein das von der Landesstiftung geförderte Projekt Kicken & Lesen mehr als 80 Titel auf.
Der Absturz bei der Lesekompetenz ist deshalb verheerend, weil es die Schlüsselqualifikation für das Lernen und die Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen ist. 85 Prozent unseres Wissens eignen wir uns durch Lesen an. "Jungen verpassen durch ihren Sprachrückstand den Zugang zur Informations- und Wissensgesellschaft", schreibt Beuster.
Den Schlüssel sieht Beuster darin, dass Jungs die Schule nicht als einen Ort für sich betrachten. Mädchen sind schulkompatibel, Jungs stören. Ihre Körpersprache und ihr Körperkontakt ist rustikaler. Jungs fechten den Status nicht durch Körpermaße und optische Reize aus, sondern durch Kraft und Stärke. Das eine ist akzeptiert, das andere wird sanktioniert. So entwickeln Jungs kein gesundes Verhältnis zu ihren Aggressionen – und lernen nicht, wo die Grenze liegt.
Männer, vor allem junge, haben ein anderes Risikoverhalten, wie jede Statistik über Unfall- und Drogentote ausweist, sie suchen häufiger die Grenzerfahrung. Schule braucht Sicherheit und die Einhaltung von Regeln. Sie wird für Jungs zum ungeliebten Ort.
Still zu sitzen ist für viele Jungs eine Tortur, ganze Vormittage ruhig zu sein ist eine Strafe. Das ist kein gutes Lernumfeld. Die Hirnforschung hat gezeigt, dass Lernerfolg stark an das emotionale Umfeld und ein Belohnungssystem im Kopf gekoppelt ist. Fatal: Jungs benötigen nach diesen Studien fünfmal mehr Lob als Mädchen, bekommen in der Praxis aber weniger. 13-jährige Jungs haben keine Mühe, sich die Namen von 150 Bundesliga-Spielern aus 20 Ländern und die Aufstellungen französischer und englischer Teams zu merken – aber sie scheitern, wenn es um die einfachsten Vokabeln geht.
Beuster hat in seinem Geschichtsunterricht über Jahre einen Bogen gemacht um alle kriegerischen Ereignisse. Bis er eines Tages eine Unterrichtsstunde der berühmten Schlacht Alexanders des Großen bei Gaugamela widmete. Gebannt wie sonst nur bei einem Computerspiel waren die Jungs dabei, die Begeisterung habe auch über viele der folgenden Stunden getragen. Man habe gelernt, die spezifischen Interessen von Mädchen zu berücksichtigen, diesen Prozess müsse man nun bei den Jungs nachholen. Damit beide mit ihren Besonderheiten zur Geltung kommen, müsse man sie kennen.
Mädchen lernen Sprachen leichter, also lernen sie auch leichter, wo die Vermittlung über Sprache läuft. Jungs lernen bevorzugt durch das eigene Tun. Je textlastiger Unterricht wird, desto mehr werden Jungs benachteiligt. Lehrerinnen haben meist einen anderen Zugang zum Unterrichtsgegenstand als Lehrer, sie werden ihn auch anders vermitteln.
Frank Beuster will die Schule wieder zu einem Ort machen, an dem sich auch junge Männer in ihrer Besonderheit angenommen fühlen. Er holt regelmäßig die Väter zu Männertagen an die Schule. Dann gehen sie wandern oder segeln, sie kochen oder bauen etwas zusammen, spielen Billard oder Fußball. Jungs sollen die Erfahrung machen, dass Schule auch ein Ort für sie ist, dass sie dort angenommen werden. Damit sie endlich wieder ein positives Bild von ihrem Geschlecht bekommen.
